Newsmeldung

13.06.2013
hans weninger
autor: 
kin.dekletterführer - Mythos Balkonfels Nordwand
Seit über 40 Jahren geistert eine Route durch die Führer, die es meiner Meinung nach überhaupt nicht gibt und die als heroische Tat angepriesen wird. Immer wieder wird sie anders verortet, niemand hat sie geklettert, aber immer taucht sie auf:
Die Nordwand am Balkonfels im Kanstein.

Fakten

Fakt 1: Im Uibrig Führer von 1965 steht im Text zur Schnapskante am Ende: "Dieser Einriss (Ergänzung von mir: nämlich eine mögliche Ausstiegsvariante für die Schnapskante in der Nordwand) wurde auch direkt von unten unter Verwendung zahlreicher Haken erreicht (5)."
Man beachte: 5!!

Fakt 2: Im Goedeke Führer von 1972 steht unter "Nordwand: „Rechts von b) (Anmerkung von mir: nämlich rechts der Schnapskante, also in der Nordwand) in der Wand frei und ohne Sicherung links haltend empor, bis man in halber Höhe die Kante erreicht. Daran 2 m empor und rechts haltend an seichtem Riss (jetzt 3 SH) z.A." Im Topo gibt es abgesehen von den falschen Routenbezeichnungen mit A, B usw. in der Nordwand 2 eingezeichnete Linien, von denen die eine überhaupt nicht im Text erwähnt wird. (Falsch ist, dass die Linie der Schnapskante diejenige vom Athur-Weninger-Gedächtnisweg sein soll. Die tatsächliche Linie dieser Route ist aber im Topo überhaupt nicht enthalten. Die angebliche Linie der „Schnapskante“ passt in etwa zur oben beschriebenen N-Wand-Linie. Die rechts daneben befindliche Linie, die oben in die der angeblichen Schnapskante übergeht, wird im Text überhaupt nicht beschrieben.
Ich weiß von Richard, dass er die oben zitierte Beschreibung von Kurt Kühnel erhielt, mit dem er damals gesprochen hat. So wurde die N-Wand auch Kurt Kühnel zugeschrieben.
Ich habe damals mit Richard über diesen angeblichen Routenverlauf gesprochen, weil ich ihn für falsch hielt, aber er ließ nicht mit sich reden. Er habe die Infos von dem Erstbegeher und die übernehme er. Wieso Goedeke den Hinweis von Uibrig nicht berücksichtigt, ist unklar. Für diesen Hinweis spricht, dass es einige der von Uibrig bezeichneten Haken tatsächlich gab, vielleicht sogar heute noch gibt. So hat Goedeke das, was später als Direkte Nordwand erschien, in seinen Führern nie aufgenommen.

Fakt 3: Im Wiechmann Führer von 1986 taucht die Nordwand mit einer Linie auf, auf der sie mit Sicherheit im unteren Teil nicht ohne Sicherung begangen worden sein konnte. (Wie wir inzwischen wissen, wäre das im 8. Grad gewesen.) Dafür taucht aber zum ersten Mal die Direkte Nordwand auf. Mit "Erstbegeher unbekannt". Diese Route hatte aber schon 1981, als ich sie zum ersten Mal a.f. machte, sehr alte Normalhaken, die mit Sicherheit aus der Zeit von vor 1972 (1. Goedekeauflage) stammten.

Fakt 4: Wegen all dieser Widersprüchlichkeiten haben Peter und ich in unserem 91er Führer auch konsequent nur die Direkte Nordwand aufgeführt und diese Kurt Kühnel zugeschrieben. Allerdings noch mit dem von Goedeke übernommenen Hinweis: "1950 mit 1 Haken!!"

Fakt 5: Im Goedeke Führer von 1991 taucht die N-Wand mit einer im unteren Teil völlig neuen Linie auf. Und mit einem "?".Die Direkte N-Wand kennt Goedeke nicht, wohl aber ist ihr erster Bohrhaken im Topo eingezeichnet. Und die logische Riss-Linie im oberen Teil ist zwar eingezeichnet, aber nicht beschrieben. Sondern es wird weiterhin eine Links-Rechts-Schleife suggeriert. Nun aber nicht mehr bis zur Kante.

Fakt 6: Im Wiechmann Führer von 1991 ist die N-Wand-Linie an die vom 91er Goedeke angenähert. Im Text wird der Goedeke-Text von "Fakt 2" zitiert. Im unteren Teil verläuft diese angebliche Linie dort, wo heute Lütje Lage verläuft und die ist dort etwa 7-.

Fakt 7: Im Grage, Kowalski Führer von 2004 wird im Wesentlichen die Linie von vom 91er Wiechmann übernommen.

Fakt 8: Im Brunnert Führer von 2013 taucht die N-Wand mit einem neuen Einstieg über den Kaminweg auf.

Offensichtlich sind alle Linien zur Nordwand Mutmaßungen, niemand konnte bis jetzt diese angebliche Route eindeutig finden und/oder zeichnen. Alle haben gemerkt, dass das, was Richard behauptet, eigentlich nicht stimmen kann. Auch er selbst hat den Linienverlauf von Auflage zu Auflage verändert. Schreibt bei der ersten Erwähnung dezidiert, dass die Route bis zur Schnapskante verlaufe, dann dort 2m hinauf, verlegt sie aber später von der Kante weg. Wieso? Er war sich offensichtlich unsicher. Wieso er allerdings bis zum Schluss keine Kenntnis von der Direkten Nordwand nahm, ist mir unerklärlich.

Folgerungen

Alle diese Infos und Gedanken lassen in meinen Augen nur einen Schluss zu:
Die Linie der Direkten N-Wand ist die von Kühnel begangene Linie. (Siehe auch das Uibrig-Zitat.) Und die ist im unteren Teil nicht ohne Haken gemacht worden, denn schon 1981 waren die darin befindlichen Haken sehr alt. Für diese These spricht auch meiner Meinung nach, dass die Linie der „Direkten Nordwand“ die logischste und einfachste durch die Nordwand ist. Ich glaube nicht, dass Kühnel nicht in der Lage war, dies zu erkennen. Allenfalls könnte Kühnel über den Kaminweg eingestiegen sein, um den unteren, schweren Teil zu umgehen. Dann ist aber unklar, wer den unteren Teil erstbegangen hat.

Ich plädiere deshalb dafür, dass in Zukunft die jetzige Direkte Nordwand als Nordwand geführt wird mit Kurt Kühnel als Erstbegeher und Nöltner, Langowski als 1. Rotpunktler. Und dass die ominöse Schleifenlinie gestrichen wird.
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